Gedichte von Herbert Bell

Götzis Vorarlberg

ZUR GOLDENEN HOCHZEIT
An Anni
 

Wir haben einander sogleich vertraut,
vom Tag unsrer ersten Begegnung an
auf Ehrlichkeit gründend ein Haus gebaut,
das niemand und nichts mehr erschüttern kann.

Wir hatten stets beide dasselbe Ziel:
Einander zu lieben und treu zu sein
und Kinder zu haben, einhellig viel,
und alles zu tun, damit sie gedeihn.

Und ausnahmslos teilten wir Freud und Leid,
so war jede Last uns nur halb so schwer.
Die Freude, sie wuchs zur Glückseligkeit,
mehr Reichtum als Gold gab die Treue her.

Nun wollen wir dankbar das kurze Stück
des Lebens noch gehen, das vor uns liegt,
im Unglück uns stützen, uns freun im Glück,
vertraun, wenn der Weg auch ins Dunkel biegt.

Vaskulär I

Manchmal bist du ganz weit fort,
dann willst du etwas sagen.
Doch stockst du schon beim ersten Wort,
und hörst nicht meine Fragen.

Wie bin ich manchmal dir so fremd!
Schlimm wär's, wenn ich dich küsste,
denn frag ich dich, ob du mich kennst,
sagst du: "Wenn ich das wüsste?"

Fünf Kinder brachtest du zur Welt,
und frag ich dich:"Wie viele?"
sagst du zuerst "Ich weiß es nicht"
und dann:"Es waren viele."

Den Tag, den du im Heim verbringst,
er dünkt mich immer lange.
Weil du mir lang zur Seite gingst,
macht mir Alleinsein bange.

Du kannst stets ganz beruhigt sein:
Ich bleib an deiner Seite
und möcht dir meine Dienste leihn.
Nichts gibt's, das uns entzweite.

Vaskulär II

Es kam nun schon seit langer Zeit
kein Wort aus deinem Munde.
Doch heute hast du mich erfreut
zur frühen Morgenstunde.

Als du erwachtest, sahst mich an
und lächeltest ganz leise,
so lieb wie es sonst niemand kann,
auf einzig liebe Weise.

Als du an mir vorübergingst,
geführt ins Badezimmer,
und dann auf einmal mich umfingst,
mich hieltest wie für immer,

da hab ich heute früh durch dich
schon zwei Mal Glück erfahren.
Von der Umarmung träumte ich
im Stillen schon seit Jahren.